Stammheim – Tradition schlägt jeden Trend

>> Im vierten Artikel des in der JVA Stuttgart im Stadtteil Stammheim inhaftierten RASH-Aktivisten Smily, den wir im folgenden veröffentlichen, setzt sich dieser mit der Funktionsweise des Repressionsmittels Knast auseinander. Ein bebildertes PDF findet ihr hier.<< [solikreis]

Während ich in vorangegangenen Artikeln mehr auf die psychologische Kriegsführung und diverse „Pannen“ der Funktionäre hier in der Stuttgarter JVA eingegangen bin, würde ich nun gern in meinem mittlerweile 4. Knastbericht das Konstrukt des Unterdrückungsapparates an sich mal etwas näher in den Fokus rücken. Hierbei geht es mir darum offenzulegen, wie schon allein die Architektur darauf abzielt die Würde der Häftlinge Stück für Stück zu zersetzen und sich immer wieder deutlich macht, wie hier eine Tradition zum Ausdruck kommt, die nur nach dem Mief von vor über 100 Jahren stinkt.

a) Spartanisch leben – Das Konstrukt

 

Mit der Inhaftierung kommt die erste Nacht im Erdgeschoss der JVA. Nach Ankunft ist aber erst mal nackt ausziehen angesagt. Alle Körperöffnungen werden dann mit Freude am Beruf von den Beamten durchleuchtet. Freilich wird das mit einem evtl. Drogenschmuggel etc. begründet, doch geht genau da auch schon der Prozess der willentlichen Zersetzung der Menschenwürde los, den hier jeder Gefangene auch im weiteren Verlauf wahrnimmt. Privatsachen werden einem jedenfalls ab dem Zeitpunkt nicht mehr zurückgegeben und man bekommt stattdessen einen alten, aus-gefransten Overall dessen Reißverschluss vom Kragen bis zum Hintern reicht. Diese Reiß-verschlüsse sind meist kaputt und nicht mehr verschließbar (…) Bettwäsche und Geschirr, für die verbleibende Haftzeit, wird einem auch noch ausgehändigt. Dieses setzt sich zusammen aus 2 Tellern, das sind Blechschüsseln, die eher an Hundenäpfe erinnern, Plastikbesteck, eine Plastiktasse und eine Blechkanne für Tee. So verbringt man die erste Nacht zusammen mit anderen Gefangenen, mit denen man bunt zusammengewürfelt wurde, die erste Nacht im EG…

 

Am darauf folgenden Tag erhält man anstaltseigene Kleidung und wird dann in ein bestimmtes Stockwerk in den Bau I oder II eingeteilt. Durchaus gern werden einem hier scheinbar unpassende Sachen gegeben wie z.B. viel zu große Schuhe, zu kleine Unterhosen etc. Natürlich nur weil derzeit nichts anderes verfügbar ist, was auffälligerweise aber sehr oft vorkommt. So geht es dann weiter auf das Stockwerk. Auch hier wird man wieder mit wildfremden Gefangenen wahllos zusammen in eine 4er-Zelle gesteckt. Nach Stammheimer Regelung darf man die ersten 2 Wochen nicht allein sein, da man vorerst pauschal als selbstmordgefährdet eingestuft wird (…) Heißt also, man darf erst nach 2 Wochen eine Einzelzelle beziehen. Folglich muss man zu Anfang wirklich Glück mit seinen Zellengenossen haben, die man sich nicht aussuchen kann, denn da könnte theoretisch eigentlich alles passieren, wie auch die Nacht zuvor schon im EG. Kinderschänder, Neonazis, anderweitig psychisch Gestörte, Junkies, die nachts dann ihren Affen schieben, alles kann, nichts muss. So werden die ersten 2 Wochen vermutlich schon fleißig Einträge in das anstaltsinterne „Klassenbuch“ gemacht, um Verhaltensweisen der einzelnen Gefangenen zu dokumentieren. Ein Experiment am Menschen unter Extrembedingungen also, zu dem er nie eingewilligt hat. Sicher hätte man auch die Möglichkeit den Rufknopf zu betätigen und die Beamten vor einer möglichen Eskalation o.ä. zu warnen, sofern man das dann auch noch schafft, nur ist dann die nächste 4er-Zelle, in die man dann verfrachtet wird, auch wieder reine Glückssache. Soviel dann auch gleich mal zur Definition des Hochsicherheitstraktes, oder der Sicherheit als Argument, welches meines Erachtens ohnehin nur Verwendung findet, wenn es darum geht die Gefangenen zu schikanieren, aber das nur als kleiner Einwurf. Werfen wir lieber mal einen Blick auf die Inneneinrichtung der einzelnen Zellen, die allein schon für sich spricht. Hier offenbart sich nämlich erneut der reine Demütigungswille. Im selben Raum, in dem dann das nicht mal als als drittklassig zu bezeichnende Essen, welches einem hier ausgehändigt wird und man dann aus den anstaltseigenen Hundenäpfen zu sich nimmt, befindet sich praktischerweise auch gleich das Klo, dessen Schüssel weder eine Klobrille noch einen Deckel hat (…) Abgetrennt ist das Ganze dann mit einer Art Schamwand aus Blech, die oben und unten offen ist und – wer hätte es gedacht – eine Lüftung hierfür gibt es nicht. Das erledigen dann die Fenster, welche sich am ganz anderen Ende des Raumes befinden, so dass sämtliche Gerüche erst einmal an den restlichen Zellengenossen und den gemeinsamen Lebensmitteln, für die es natürlich auch keinen Kühlschrank gibt, vorüberziehen, bis sie dann in die Atmosphäre freigegeben werden. In Sachen Luftzirkulation in den Zellen hat man sich bei dem Bau dieser Anstalt aber generell auch gar keine Gedanken gemacht, was einem im Sommer die Zeit hier auch nicht unbedingt versüßt. Aber zurück zu den Schamwänden der Toiletten, die sich hier immer unmittelbar neben den Zellentüren befinden. Immerhin ist es in einer 4er-Zelle möglich sich optisch komplett mit diesen abzutrennen während man sein Geschäft verichtet, welches die Zellengenossen immer live mitbekommen. Das sieht dann in den anderen Zellen aber nicht so aus. In den Doppelzellen z.B. steht nämlich nur eine halbe Schamwand, mit der man sich optisch vom Zellengenossen abtrennen kann währendessen in Richtung Zellentür alles offen ist. Heißt also dass die Beamten, die jederzeit Zutritt zu den einzelnen Zellen haben, sogar alles noch live und in Farbe miterleben könne, wenn es dumm läuft. Das scheint ein wichtiges Anliegen zu sein, so hat man auf den Einzelzellen sogar ganz auf eine Schamwand verzichtet (…) Was dann auch noch sehr bezeichnend sein dürfte ist die Tatsache, dass man hier bei Bedarf keine Kopfschmerztabletten bekommt, sondern in der ganzen Anstalt nur Zäpfchen herausgegeben werden. Oder dass man nur 2x die Woche duschen kann. Damit dürfte dann schon die willentliche Zersetzung der menschlichen Würde, die sich hier auch noch in vielen weiteren Facetten zeigt, soweit komplett sein und es bedarf kaum weiterer Ausführungen…

 

b) Sinn & Zweck

 

Der offensichtliche Wille zur Demütigung sollte aus a) klar hervorgehen, so scheint die individuelle psychologische Kriegsführung der Beamten, welche ja noch erschwerend hinzukommt und auf die ich im Teil c) erneut eingehen werde, um so überflüssiger.

 

Viele werden sich aber an dieser Stelle vermutlich schon fragen was es mit diesem Konstrukt eigentlich auf sich hat, wenn doch dir größte Strafe schon die Isolation von Freunden und Familie ist. Wie kann es sein, dass ein nach außen hin so modern wirkender Sicherheitstrakt von innen nur Mittelalter widerspiegelt? Und noch viel wichtiger: Wie kann es sein, dass ein U-Häftling, der offiziell noch einer Unschuldsvermutung unterliegt (Verträge von Rom, 50er Jahre) sich derartigen Umständen aussetzen muss?

 

Nun braucht es keine Verschwörungstheorien, um Antworten auf die jeweiligen Fragen zu finden und bestimmt auch nicht viel Phantasie, doch werden Gespräche mit Leuten, die dieses Konstrukt schon im Ganzen vielleicht sogar mehrmals durchlaufen haben einige Annahmen unterstreichen können. Ich habe hier in der JVA bisher noch niemanden kennengelernt, der nicht sagte, dass Stammheim einfach der schlimmste Knast sei. Hierbei wird durch erfahrene Geiseln der Justiz schon die U-Haft-Situation zwischen beispielsweise Mannheim und Stuttgart unterschieden, die in Mannheim um einiges humaner ablaufen soll. Ich möchte mich hier aber vorerst auf den U-Haft-Strafhaft-Wechsel aus Stammheim heraus in andere Knäste beschränken, der zu einer plausiblen Antwort führt. Während des Hofgangs werde ich nicht selten Zeuge davon wie andere Gefangene schon von ihrer Aburteilung träumen, um endlich in einen anderen Knast zu gelangen und die Strafhaft antreten zu können.- Hierbei wird das Einlegen von Rechtsmitteln wie Berufung oder Revision von vorneherein ausgeschlossen, selbst wenn das 1,2 Jahre weniger (!) bedeuten könnte. Es erscheint hirnverbrannt, doch gibt es tatsächlich gute Gründe für derartige Entscheidungen. Beginnen wir bei dem Konstrukt,welches sich von der Stammheimer U-Haft-Situation schon um Welten unterscheidet. Erst mal ist es das bessere Essen, wovon es wohl auch reichlich gibt. Freizeitmöglichkeiten gibt es viele, Flachbildschirme auf den Zellen, dazu DVD-Player, Play Station etc.. Man darf öfters Besuch empfangen als nur 2x im Monat, duschen so oft man will und, und, und… Dass einem schon allein wegen diesen Annehmlichkeiten zwei Jahre Strafhaft wie ein halbes Jahr Stammheimer U-Haft vorkommen können, sollte vorstellbar sein. Sicherlich spielt dann auch noch das Thema Drogen für den einen oder anderen eine große Rolle, deren Beschaffung in Strafhaft überhaupt kein Problem mehr darstellt, währendem man sich hier in Stammheim ersatzweise noch irgendwelche Medikamente reinballern muss. Doch auch wenn man das alles ausblenden würde, so führe man sich doch nur mal den möglichen Zeitraum eines Knastkampfes in der Stammheimer U-Haft vor Augen. Die meisten verbringen hier erst mal sechs Monate bis zu ihrem 1. Prozess. Diese Frist wird auch gern öfters mal verlängert (…). Nach der 1. Instanz – sofern vor dem Amtsgericht – kann man noch in Berufung gehen, für die es dann schon gar keine Frist mehr gibt und man locker nochmal mit weiteren sechs Monaten rechnen muss. Es kann aber auch neun Monate dauern, wer weiß das schon. Wenn man sich dann mit dem Berufungsprozess in 2. Instanz vor dem Landgericht und dessen Urteil immer noch nicht zufrieden geben will, so bleibt einem noch die Revision vor dem OLG in 3. Instanz, die statistisch gesehen oft aussichtslos ist und einem weitere sechs Monate Mittelalter in Stammheim einbrocken. Wer Glück hat durchläuft das alles von draußen aus, wer Pech hat und kämpfen will verbringt dann also locker 1 1/2 Jahre im Unterdrückungsapparat. Sechs Jahre Strafhaft also, wenn man der Logik anderer folgt (…).

 

Aus diesen Aspekten heraus dürfte also klar sein, worauf das hier alles abzielt. Die Gerichte wollen sich Arbeit vom Hals halten, die Gefangenen möglichst schnell abgeurteilt weiter in Strafhaft schicken und der Fisch scheint geputzt. Der nächste Herr dann, die selbe Dame, ganz wie am Fließband…

 

c) Sieg Heil vs. Stalingrad

 

Zum Schluss noch ergänzend, wieder mal ein Stammheimer Klassiker im Hinblick auf die psychologische Kriegsführung bzw. die traditionelle Ungleichbehandlung, wenn es um die große Politik geht, der sich erst vor ein paar Tagen zugetragen hat.

 

Seitdem ich nun vor etwa drei Wochen in eine Einzelzelle des kurzen Flügels im 6. Stock vom Bau I verfrachtet worden bin, lassen sich von hier aus immer wieder Sieg-Heil-Rufe eines anderen Gefangenen vernehmen. Manchmal sogar im 10-Minuten-Takt (…). Ab und zu schreit er auch nur „Sieg!“ und ein anderer ergänzt dann das „Heil!“. Ziemlich nervig finde nicht nur ich das und so gibt es dann auch oft dementsprechendes Contra. Vor zwei Tagen hat dann der Sieg-Heil-Rufer darauf auch mal nen richtigen Rappel bekommen und ziemlich aufgedreht. „Sieg Heil!“, „Deutschland den Deutschen“, „ein Baum, ein Strick, ein Judengenick!“ usw. dröhnte es von draußen, worauf ich dann irgendwann auch mal reagieren musste, da mich das echt auf die Palme gebracht hat. Rufe wie „Stalingrad!“, „Ruhm und Ehre der Roten Armee!“ usw. erschienen mir daraufhin ganz angemessen, doch das fanden die JVA-Beamten dann scheinbar wieder sehr unpassend. So ging bei mir auch schon nach nicht einmal zwei Minuten Red Power die Sprechanlage an. „Herr S., Rufknopf drücken!“ maulte der Beamte hinein. Als ich diesen betätigte sagte man mir, dass es wohl einige Ruhestörungsbeschwerden gegen mich gibt und ich es doch bitte unterlassen soll aus dem Fenster zu schreien. Auf meine Frage ob es denn auch Beschwerden gegen den Sieg-Heil-Rufer gibt, sagte der Beamte, dass das ebenfalls der Fall wäre und legte dann schnell wieder auf (…). Natürlich zogen sich die Sieg- und Sieg-Heil-Rufe dennoch den ganzen Abend fort, so auch gestern wieder und jeden Tag auf’s Neue. Ich gehe davon aus, dass da von Seiten der Beamten also auch gar nichts dagegen unternommen wurde, ganz im Gegensatz zu mir versteht sich. Ich verzichte seither aber auf Contra und überlasse das den anderen, weil ich davon ausgehe, dass man hier ohnehin nur auf die nächstbeste Gelegenheit wartet, um mich in den Bunker zu stecken oder irgendwie anders gegen mich vorzugehen. Das wäre sicherlich ein Genuss für sie nach so viel Ärger mit mir über die Offenlegung anstaltsinterner Ereignisse, die selbst so manchen CDU-Bürger ins Staunen brachten, aber den Gefallen will ich ihnen nicht tun.

 

Jedenfalls scheint aber das Argument „Ruhestörung“ hier auch rechtlich fehl am Platz, da hier abends einfach auch generell viel rumgeschriehen wird. Die Gefangenen kommunizieren von Bau 1 zu Bau 2, lachen, streiten sich usw. und das auch jeden Abend. Ich habe noch nicht mitbekommen dass überhaupt irgend jemand deswegen mal Ärger bekommen hat, geschweige denn, dass man sich extra die Mühe gemacht hat, bestimmte Zellen dafür ausfindig zu machen und dann von der Zentrale aus die Betroffenen über die Sprechanlage zurechtzuweisen. Dass sich einer meiner Mitgefangenen, aus den um mich herum befindlichen Zellen, über meine „Ruhestörung“ beschwert hat, kann ich mir auch nicht vorstellen, da ich die alle kenne und wir gut miteinander klarkommen. So liegt es für mich viel näher, dass es doch nur wieder meine politische Message war, welche die Beamten selbst verärgerte, währenddessen „Sieg Heil“-Rufe offensichtlich weniger interessieren. Ist ja auch alles nichts neues, hier auf dem schwäbischen Rübenacker, doch lässt sich damit natürlich nicht argumentieren. „Stalingrad“ usw. das sind keine verbotenen Rufe mit denen man sich strafbar machen könnte. „Sieg Heil“ hingegen schon und „ein Baum, ein Strick, ein Judengenick“ sollte auf jeden Fall auch zu denken geben, doch war es hier offensichtlich mal wieder wichtiger den „Herrn S.“ zur Ruhe zu bringen (…)

 

Wenn das mal keinen weiteren Eintrag ins Klassenbuch gab :-), oder sollte ich besser sagen ins Stammheimer Schwarzbuch des Kommunismus?

Ich bin mir nicht ganz schlüssig, aber Kaiser Wilhelm wäre sicher stolz auf sie…

 

Anmerkung:

 

In meinen Ausführungen über das Konstrukt ging es mir nun keinesfalls darum die Knastkämpfe anderer herunterzuspielen, da es in Strafhaft trotz einiger „Annehmlichkeiten“ dann auch wieder andere Komponenten gibt, die einem dort die Situation sicher auch schwer machen. Und mal abgesehen von der Zwangsarbeit, interner Hierarchien unter den Gefangenen und der Fortsetzung der individuellen psychologischen Kriegsführung durch die Beamten selbst unterliegen politische Gefangene dort ebenfalls einer Sonderbehandlung, wofür wir auch schon genügend andere Beispiele kennen. Nur ist es gerade der Übergang von der (Stammheimer) U-Haft in die (langersehnte) Strafhaft, der doch sehr an die fragwürdige Kronzeugenregelung ( wer sich Vorteile verspricht wird wohl auch sagen, was gerne gehört wird) erinnert, welche die BRD in den 70er vom „Rechtssystem“ der USA übernahm (…) So wird es in der Stammheimer U-Haft immer wieder Leute geben, die ihr Urteil schon in der ersten Instanz – ob gerechtfertigt oder nicht – annehmen werden, um einfach in die „angenehmere Strafhaft“ zu gelangen, wovon der Gefangene minimal und das Gericht maximal profitiert. Auch ist es nicht ungewöhnlich, dass man durch dem-entsprechende Kooperation ( im Vorfeld) mit einem vorteilhafteren Urteil rechen kann. Es geht mir hierbei nicht darum andere zu brandmarken (Kronzeugen ausgenommen), die versuchen Stammheim so schnell es geht zu verlassen, da es ja nur allzu verständlich ist, doch ist genau das offensichtlich eines der Ziele, die mit diesem Konstrukt verfolgt werden. Wahrscheinlich erhofft man sich gleichzeitig auch einen erzieherischen „Lerneffekt“, der dazu führen soll, dass man künftig auf gar keinen Fall mehr mit dem Gesetz in Konflikt kommen will. Die Funktionäre im kapitalistischen System sehen dabei natürlich hinweg, dass es generell weniger Kriminalität geben würde, wenn man den Kapitalismus bloß abschafft. Bei den Jungs und Mädels, die etwas zu weit links von der bürgerlichen Mitte stehen, projeziert man diesen Lerneffekt jedenfalls auch gerne nach außen, in dem man Exempel an ihnen statuiert. Hier zeichnet sich dann die kollektive Bestrafung ab, wenn man frei nach dem Motto „sperrt die bekanntesten, einflussreichsten, stärksten und intelligentesten von ihnen einfach ein, dann wird der Rest schon Ruhe geben“ verfährt.Das kennt man ja auch schon irgendwo her. (…) Der Zweck heiligt dann die Mittel und so kann man bei unserer Klasse auf jede Beweisführung verzichten, über Widersprüche hinwegsehen und entlastende Aussagen ignorieren, um diesen durchzusetzen. Je nach psychischer Verfassung durch die schon vorausgegangene Strafe der U-Haft, kann man uns dann bestenfalls sogar als Cretins vorführen, um besser entpolitisieren zu können….

 

d) Brief von Sebastian

 

So manch einer wird sich vielleicht noch an meinen Mithäftling erinnern, dem der Beamte M. verweigert hat in unsere 4er-Zelle zu ziehen, weil Marc und ich „schlechter Umgang“ seien.

 

Lassen wir Sebastian an dieser Stelle doch auch mal selbst zu Wort kommen:

 

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (GG Art.1). Diese im Grunde gute, wenn auch naive Grundlage aller deutschen Gesetze gleicht mehr einer Utopie als Realität, besonders im Haftalltag der JVA Stammheim. Wie Smily schon treffend beschrieben hat, ist es in Wirklichkeit so, dass man zu Beginn der Haft nicht nur allen persönlichen Besitzes, sondern auch der Würde beraubt wird. Am Ende der Haftzeit ist es einfach, einem Menschen seine Habseligkeiten wiederzugeben, doch Würde und Stolz kann man nicht einfach nach Monaten, oder Jahren unmenschlicher Behandlung einem ehemaligen Häftling einfach so wiedergeben, denn solche Erlebnisse werden immer eine bleibende Spur in der Seele eines Menschen hinterlassen.

 

Es folgt eine rein subjektive Beschreibung meiner Erfahrungen hier in Stammheim bzw. auch kurz zum Stammheimer JVA-Krankenhaus Asperg, welches genutzt wird um Häftlingen, denen es in der JVA gesundheitlich oder seelisch nicht gut geht, zu „helfen“.

 

Wie schon erwähnt, werden alle Neuankömmlinge in eine Viermannzelle gesperrt. Dieses Erlebnis war mir nicht mal gegönnt. Einmal abgesehen von der Unschuldsvermutung und der psychischen Konditionierung jedes Einzelnen, ich verbrachte die ersten 2 Wochen mit einem Mann, der bereits 14 Jahre wegen versuchtem und vollendetem Totschlags in Haft verbrachte. Er befand sich derzeit erneut in Haft, wegen eines weiteren Tötungsdelikts, welches er auch gestanden hatte. Ich war nie ein besonders gewalttätiger Mensch, oder wusste gar, wie man mit solchen Menschen umzugehen hat, deshalb brauchte ich viel Zeit, um mich in diese  Situation „einzuleben.“ Es war ein sehr unangenehmes und erschreckendes Gefühl, Bett an Bett auf wenigen Quadratmetern, 23 Std./Tag mit einem Mann zu leben, der mehrmals in seinem Leben eine Linie überschritten hatte und keinerlei Perspektive besaß, also was hatte der noch zu verlieren, dachte ich mir jeden Tag und sorgte mich um mein Leibeswohl. Die Wärter, auch bekannt als JVA-Beamte, scheren sich einen Dreck darum, doch möchte ich nur allzu gern mal erleben wie einer von ihnen, oder auch einer unserer hoch bezahlten Politiker, oder die Richter selbst mit so einer Situation fertig werden, jeglicher Würde beraubt, isoliert von Familie und Freunden, potentiell mit dem Leben bedroht. Dieser Mann bekam sehr oft Wutanfälle, was niemanden der Beamten interessierte und ich als stiller Teilhaber dieses „Schauspiels“ hoffte nur, dass er weiterhin seine Wut gegenüber dem Inventar zu kanalisieren versuchte und diese sich nicht irgendwann gegen mich richten würde. An einem Abend drückte er den Rufknopf und sagte den Beamten, dass er durchdrehen werde und nicht wisse was er tun soll. Darauf blätterte der Beamte hörbar in irgendwelchen Akten herum und antwortete nur, ich zitiere wörtlich: „Herr H., Sie brauchen nichts zu tun, denn ihr Leben ist eh schon vorbei!“. Darauf legte der psychologisch wohl gut geschulte Beamte einfach auf, was die Stituation nur verschlimmerte und mich dazu veranlasste mein Plastikmesser – eigentlich untauglich als Waffe – in Griffweite zu haben, um überhaupt noch schlafen zu können.

 

Das dürfte auch verständlich sein. Denn abends bzw. nachts ist im Gefängnis so wenig los, dass für den Beamten, tief in seinem Stuhl sitzend, in Kaffee und Computer versunken, wahrscheinlich jede Bewegung zu viel verlangt wäre, um mögliche Auseinandersetzungen oder einen Suizid zu verhindern. Es ist den Beamten völlig egal wer mit wem zusammen in ein Loch gesperrt wird, ob potentiell gefährlich, harmlos, geisteskrank oder hoch depressiv. Ich möchte diesen Mann wirklich nicht verurteilen, mit dem ich die ersten Wochen in der JVA verbracht habe, er ist in meinen Augen auch ein Opfer. Opfer von schweren familiären Missständen, geprägt von Gewalt, aufgewachsen in einer Gesellschaft, die es nicht interessiert hat…

 

Ich pflegte immer ein sehr gutes und enges Verhältnis zu meinem Sohn. Es nimmt mich sehr mit, dass unser Kontakt nun auf 2 Std./Monat begrenzt ist. Dennoch war ich bei seinem ersten Besuch sehr froh ihn zu sehen und nutzte gleich die Gelegenheit, um mit ihm etwas zu spielen. Das war sehr schön und ein kleiner Lichtblick im sonst so tristen Haftalltag für mich. Dies bemerkte auch der Beamte, welcher den Besuch überwachte. Er nutzte sofort jede Möglichkeit der Repression gegen mich und untersagte mir dann auch, mit meinem nicht einmal zwei Jahre alten Sohn zu spielen, Nach nicht einmal einer Minute Freude wurde mir aufgetragen mich am Ende des Tisches, allein auf einen einzelnen Stuhl zu setzen, da der Besuch sonst zu Ende wäre. Es ist unmöglich einem so kleinen Kind zu erklären, dass Papi nicht spielen darf und so flossen, zur Freude des Beamten, auf beiden Seiten dicke Tränen… Argumentiert wurde hierzu mit möglicher Drogen – oder Waffenübergabe. In meinen Augen nur eine weitere Gelegenheit, die genutzt wurde, um einem Insassen oder einfach auch einem Vater, den letzten Rest seiner Würde völlig zu berauben.

 

Daraufhin ging es mir seelisch immer schlechter, auch bedingt durch die Haft selbst, den Verlust meiner Familie und den Umständen, die zu meiner Inhaftierung führten. Ich schlief nur noch 2-3 Std., nahm kaum noch Nahrung zu mir und entwickelte mich über Wochen langsam zu einem Zombie. Als letzten Hilferuf kontaktierte ich dann die hiesige Ärztin, die eher einer Veterinärin für Nutzvieh gleicht als selbiger.

 

Ich schilderte ihr meine Situation und sagte ihr, dass ich Hilfe benötige. Diese gab mir lediglich grinsend folgende Antwort: „Dann trinken sie doch ’ne warme Milch!“ Damit war das Gespräch beendet. Mal abgesehen davon, dass wir hier 1x die Woche einen halben Liter Milch zum Frühstück bekommen und ich diese wohl mit einem Feuerzeug erwärmen sollte, wusste ich nicht, wie dieser Mist bzw. solch ein inkompetenter und fahrlässiger Rat in einer akuten psychischen Problemsituation helfen sollte.

 

Nach wenigen Tagen intervenierte der Stammheimer Psychologe, welcher eine der wenigen Personen ist, der ich fachliche Kompetenz zuschreibe, und wies mich dann in das JVA-Krankenhaus Hohen Asperg ein. Auf diese „Außenstelle“ Stammheims möchte ich jetzt genauer eingehen.

 

Auf dem Asperg gibt s statt 4-Mann – sogar 6-Mannzellen und ich fand mich in einem Moloch wieder, umgeben von 5 anderen Insassen, die alle Hepatitis C und manche von ihnen sogar noch HIV zusätzlich hatten. Eines Abends hatte einer von Ihnen einen Krampfanfall, in dessen Verlauf er sich in die Zunge biss. Nach gut 20 Minuten Hilfeschreien und gegen die Tür treten bequemte sich endlich jemand zu uns und wir bekamen als erstes zu hören „der simuliert doch bloß!“ Der Kot in seiner Hose, das Blut und der Urin auf dem Boden gab ein anderes Bild ab. Die Pfleger interessierten sich auch nicht für diese infektiösen Verunreinigungen und verließen den Haftraum wieder. Nach mehreren Diskussionen wurde mir buchstäblich ein Wischmopp an den Kopf geworfen und gesagt „dann mach den Dreck doch selber weg!“ Nach weiteren Stunden und mehreren Diskussionen drohte ich dann mit meiner Anwältin, als dann auf einmal, zwar ober-flächlich aber doch flott, von den stark genervten Pflegern die Zelle gereinigt wurde. Ich bat in dieser Einrichtung oft um Gespräche mit den Psychologen, da diese dort auch zu Hauf vorhanden sind, doch bekam ich innerhalb von 4 Wochen nur ein knapp 5-minütiges Gespräch, das mehr einem Stammtischdialog, als einem kompetenten Gespräch mit einem Psychologen glich. In dieser Einrichtung waren nur Medikamente das Mittel der Wahl und so wurde ich einfach bis zur Besinnungslosigkeit zugedröhnt. Ich musste mich an der Wand festhalten damit ich mich vorwärtsbewegen konnte und als ich eine beginnende Sucht nach diesen Benzodiazepinen bei mir bemerkte, setzte ich diese Medikamente eigenhändig ab, da die dortigen Tierärzte auch nicht interessierte, ob sich bei mir nun eine Sucht entwickelt, die den Entzugserscheinungen von Heroin in nichts nachstehen…

 

Nun ging es wieder zurück nach Stammheim und dort lernte ich dann Smily kennen. Wir merkten schnell, dass wir uns ideologisch nahestehen und wurden Freunde. Was ich auch schnell bemerkte war, dass die Beamten versuchten die anderen Insassen gegen ihn anzustacheln. Als diese bemerkten, dass wir uns gut verstehen, wurden Zellenkontrollen für mich zum Alltag, was ich in dieser Intensität zuvor nie erlebte. Ich wurde mehrmals unbegründet vor Smily gewarnt von wegen „schlechten Umgang“ usw. und es wurde mir untersagt in seinen Haftraum zu ziehen. Vermutlich aus Angst, es könnte sich eine „Rote Zelle“ in der JVA bilden.

 

In meiner bisherigen Haftzeit (4 Monate) musste ich knapp zehnmal als Dolmetscher fungieren. Wir leben in einer hochmodernen Zeit, in der es keine fünf Sekunden dauert über Google einen Übersetzer zu aktivieren, doch es bestand kein Interesse seitens der Justiz  ausländischen Insassen, die keinerlei Deutsch verstanden – obwohl es ihr Recht ist – eine zumindest englische Ausfertigung des Haftbefehls oder der Anklageschrift zukommen zu lassen. Manche wussten so gar nicht, warum sie eigentlich hier sind. Es war oft traurig, diesen Leuten erzählen zu müssen, was ihnen eigentlich bevorsteht und dass sie vermutlich abgeschoben werden. Ich kann mich noch gut an einen kanadischen Geschäftsmann erinnern, der mir berichtete, dass ihm deutsche Polizisten nur sagten „You are going to Stammheim and there you will get fucked in the shower!“ Dieser eher zierlich gebaute Mann litt die ersten Wochen Todesängste.

 

Abschließend kann ich ihm nur sagen, dass die Unschuldsvermutung, Würde und Menschlichkeit Fremdwörter hier sind. Es gibt eklatante Mängel in Hygiene und menschenwürdiger Behandlung der Insassen. Man bemerkt immer wieder deutlich die Züge des alten und und neuen faschistoiden Systems, in dem wir leben müssen. Doch egal was sie mit uns auch immer machen, solange wir zusammenhalten und unseren Idealen treu bleiben, werden zumindest unsere Gedanken immer frei sein.“

Advertisements

Veröffentlicht am Dezember 5, 2012, in #1 - Aktuelle News. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Stammheim – Tradition schlägt jeden Trend.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.