Stammheim von innen

Im folgenden publizieren wir einen Beitrag des in der JVA Stuttgart Stammheim inhaftierten RASH-Aktivisten Smily (unten angehängt auch als bebildertes PDF) sowie den Brief eines Mitgefangenen. Nach dem im Februar veröffentlichten Erlebnisbericht und dem mit dem Solikreis geführten Interview im Mai, berichtet Smily nun über seine ersten Monate im Knast und seine Situation als politischer Gefangener.

Die Berufungsverhandlung in seinem Verfahren findet am 5. und 10. September jeweils ab 9 Uhr vor dem Stuttgarter Landgericht statt. Vor Verhandlungsbeginn sollen Kundgebungen vor dem Gebäudekomplex stattfinden.

 

Während meines Aufenthalts hier in der JVA kam es nun schon zu zahlreichen Ungereimtheiten, die formell so nicht sein dürften und in eine mir unliebsame Richtung verweisen; so möchte ich doch gern für die Leute draußen darüber berichten.


Teil I

Umgang der Justizbeamten mit politischem Bewusstsein

a) Die Hausordnung
Schon in den ersten Tagen meiner Inhaftierung wurde mir klar, dass man es als politischer Gefangener besonders schwer in einer deutschen JVA hat. So legen z.B die Beamten hier eine besondere Genauigkeit in Bezug auf die Einhaltung ihrer Stammheimer Hausordnung an den Tag. Eine „Sonderbehandlung“ wenn man so will. Um die kahle Knastzelle etwas heimischer zu ge-stalten, hängte ich mir gleich mal ein, mir zugeschicktes, Plakat für den bevorstehenden Tag der politischen Gefangenen am 18. März an den Schrank. Zentral in der Mitte steht groß „Linke Politik verteidigen! Weg mit den §§ 129, 129 a/b!“ Ein sehr sinnvoller Slogan, wie ich finde, denn der 129er dient ja oft nur zur Kriminalisierung politisch engagierter Jugendlicher, der systematischen Folter bzw. der Abschiebung. Ein Teil des 129er entstand meines Wissens nach mit den Sondergesetzen, die damals zur Bekämpfung der RAF geschaffen wurden. Sie sollten dann eigentlich auch bald wieder aus dem Gesetzesbuch gestrichen werden, doch es gibt sie heute noch… Jedenfalls traf den Justizbeamten V. schier der Schlag als er das Poster entdeckte, so dass er mich direkt dazu auffordern musste dieses zu entfernen. Zum einen begründete er das damit, dass es doch sehr „unpassend“ sei, was ich ja nun überhaupt nicht finde, und zum anderen dann mit der Haus-ordnung, die Bilder und Poster nur an der dafür vorgesehenen Stelle erlaubt. Hierbei handelt es sich um ein über das Bett angebrachtes Holzbrett (ca. 100 x 10 cm). In Reihe passen dort etwa 5-6 Fotos drauf, mit Poster verblieb dann noch Platz für 2-3. Jedenfalls schien V. sehr erregt und verärgert über meinen Verstoß gegen die Hausordnung, mit der er ja nur zu gern argumentiert. Zumindest bei mir. Ich hatte ja schon vorher vermutet, dass es eigentlich nur die politische Message war, die ihn so aggressiv gemacht hat und das sollte sich im weiteren Verlauf dass auch bestätigen. Schon bei den ersten Umschlüssen mit anderen Gefangenen fiel mir auf, dass die meisten anderen ihre Bilder wirklich überall aufgehängt hatten. Da nahm es V. dann wohl nicht so genau mit der Hausordnung. Warum auch? Sie waren kaum als politisch links einzuordnen und es handelte sich meist um Poster von nackten Frauen, die wohl als „passender“ einzustufen waren, als eine Kritik am System…

 

b) Neonazis in der JVA und ihre besonderen Freiheiten

Zum zweiten  Anwaltstermin sollte ich dann auch schon auf den ersten Neonazi in passendem Thor Steinar – T-Shirt treffen. Im Warteraum angelangt musterte er mich von oben bis unten und schien sich zu fragen, ob ich denn ein „Kamerad“ von ihm sei. Allerhöchste Eisenbahn für mich mein Redskin-Shirt freizulegen. Damit wollte ich ihm signalisieren, dass er mich bloß nicht anquatschen soll und ich mit Sicherheit alles andere als sein verfluchter Kamerad bin. So wendete er sich vorerst ab. Als ich aber dann mit einem Mitgefangenen meines Stockwerks ins Gespräch kam, nährte er sich auf schleimige Art und Weise von der Seite und wollte doch tatsächlich an unserer Unterhaltung teilhaben. Da war dann für mich das Maß voll und der Zeitpunkt gekommen den Vogel mal  etwas aus seiner Anonymität zu reißen. Ohne in irgendeiner Weise auf ihn einzugehen fragte ich ihn gleich laut, ob ich denn etwa so aussehen würde, als hätte ich Lust auf eine Kon-versation mit einem Neonazi. Alle Augen im voll besetzten Warteraum  waren nun bereits auf ihn gerichtet waren. Da hat er sich wohl ziemlich erschrocken und fing an rumzustammeln „warum, wieso? Ich? Ach was…“ Ich verwies gleich auf sein Nazi-Marken-Shirt, das ja nun auch nicht gerade bei C&A erhältlich ist, da meinte er, dass er nur Hool sei, unpolitisch und außerdem Russe, bla, bla… worauf ich natürlich nicht locker ließ und ihm sagte, dass er seine Mutti verarschen kann, aber nicht mich.

Ein anderer mischte sich dann auch ein und sagte dem „unpolitischen Hooligan“, dass es Ärger geben wird ,wenn man ihn nochmal mit einem derartigen Shirt im Warteraum antrifft. Aus dieser brenzligen Situation wurde er dann von einem Beamten rausgeholt. Sein Besuch stand wohl an. Ein paar Wochen später sollte er dann aber doch noch sein wahres Gesicht zeigen, als er sich alleine mitten auf dem Innenhof unter mehreren Beamten befand. Einige von unserem Stockwerk schrien schon „Nazis raus!“ aus dem Fenster, als der „unpolitische Hooligan“ dann mitten auf dem Innen-hof und im Schutz der Beamten ganz stolz den Hitlergruß zeigte und „Ruhm und Ehre der deutschen Armee“ schrie.

Unser Stockwerk tobte und beschimpfte ihn stark; dem schlossen sich dann auch die anderen Stockwerke von Bau I an, währenddessen ihm eine Beamtin ganz seelenruhig die Tür zu Bau II öffnete. Es waren dort mindestens fünf Beamte anwesend, vor denen der Typ mitten im Innenhof einen Hitlergruß zu Bau I machen konnte. Vom Gefängnispersonal interessierte das niemanden, obwohl der ganze Bau I tobte. Man fand das scheinbar auch keineswegs „unpassend“ und die Hausordnung hatte offensichtlich auch nichts dagegen…

Ich habe den Vogel seither nicht mehr gesehen, doch hat mir ein anderer Mitgefangener berichtet, dass er ihn mal wieder im Warteraum angetroffen hatte, wo er dann ohne Thor Steinar – T-Shirt alleine sitzend in der Ecke auf den Boden schauend zubrachte. Vielleicht ein kleiner Teilerfolg nach so viel Ärger…

 

c) Nazisymbole auf Beamtenutensilien

Ich musste mal wieder zur Kammer runter, um ein Klamotten-Päckchen abzuholen. In der Kammer angelangt, kümmerte sich eine Beamtin um das Paket. Hinter ihr eine Trennscheibe, hinter der andere Beamte ihren Papierkram erledigen. Einer der Beamten öffnete einen Schrank, um seinen wohl gerade benutzten Stempel in eine Stempelschachtel abzulegen, auf der unverständlicherweise ein SS-Symbol (ca. 5-8 cm groß) vermutlich mit Edding draufgemalt war! Da dachte ich, ich seh´ wohl nicht richtig!  Der Beamte schloss rasch den Schrank, als er bemerkte, dass ich ihn beobachte.

Ich beschloss die Beamtin vor mir doch gleich mal auf diese merkwürdige Stempelschachtel anzusprechen. Sie schien recht überrascht über meine Frage, was denn Nazisymbole hier auf Beamtenutensilien zu suchen hätten und stellte sich vorerst dumm. Sie sagte, dass das eben die Stempelschachtel von der Kammer sei und schon immer so aussieht, seit dem sie hier arbeitet. Was das Nazisymbol darauf zu suchen hätte wüsste sie auch nicht und lenkte gleich zum nächsten Thema. Thor Steinar nämlich. Das sei ja auch ein bisschen so eine fadenscheinige Sache und ist ja nicht so ganz eindeutig, da es davon ja sogar Bikinis und alles gibt und der ganze Laden gehöre ja scheinbar einem Araber. Sie hatte das hier unter den Beamten auch schon angesprochen und ihr wäre es lieber, solche Sachen nicht rausgeben zu müssen. Da kam es wohl zu hitzigen Diskussionen unter den Beamten und man hat sich entschlossen das weiterhin herauszugeben… Ich entgegnete ihr, dass das schon seit Jahren eine bekannte Neonazimarke ist und dass das einem wohl kaum ent-gangen sein kann. Der  Wechsel des Inhabers dieser Marke, was ja letztlich nur eine weitere Finanzspritze für die Nazis bedeutet hat, würde nichts Grundlegendes ändern. Thor Steinar dient nach wie vor als Erkennungssymbol für Neonazis  untereinander. Bikinis und andere Produkte dieser Marke werden nach wie vor in sämtlichen Neonazi-Onlineshops und Versänden vertrieben. Von einer Faschismusdiskussion, die auch den Vietnam-Krieg und somit die Entstehungsgeschichte der JVA Stammheim beeinhaltet hätte, wollte ich hier absehen, obgleich mir wirklich danach gewesen wäre. Denn damit hätte ich natürlich auch ihr Dasein als Justizbeamtin in Frage gestellt.  Die gute Frau schien mir aber eh schon etwas überfordert. Hätte ich geahnt, was jetzt kommen würde, hätte ich es mit Sicherheit getan. Sie war mittlerweile bei meinen T-Shirts angelangt und geriet bei einem „Antifascist Skinhead“-Shirt ins Stocken. Sie sagte, das dürfe sie mir nicht mitgeben. Ein anderer Gefangener, der hier in der Kammer arbeitete –  vor der Trennscheibe versteht sich – bekam das mit und fragte sogleich, was denn an Antifaschismus so schlimm sein soll. Mir platzte hier völlig der Kragen. Wie bitte? Nazisymbole auf Beamtenutensilien, Thor Steinar-Klamotten werden rausgegegeben, Hitlergrüße dürfen gezeigt und gebrüllt werden und mir will man mein Antifa-Shirt nicht herausgeben? So tat ich laut meine Empörung kund, als mich die Frau schon wieder versuchte zu beruhigen und die anderen Beamten schon durch die Trennscheibe auf mich aufmerksam wurden. Die Beamtin meinte sie könne mal den Chef holen und ihn fragen, doch könne sie mir gleich sagen, dass der das nicht genehmigen wird. Ich bestand selbstredend darauf. Es kamen dann sogar zwei Chefs, die sich mein T-Shirt für ein Weile lang ansahen und es mir dann doch schweren Herzens freigaben, um wahrscheinlich weiteren Unannehmlichkeiten bzgl. der SS-Stempelschachtel aus dem Weg zu gehen und ihre Ruhe vor mir zu haben.

 

Ich habe um dieses T-Shirt gekämpft und bin auch sonst im Knastkampf nicht gerade anderen gegenüber im Vorteil. Ich denke, ich konnte das hier gut darstellen. Doch ist es gerade das, was mir den Ansporn gibt weiterzukämpfen, egal ob drinnen oder draußen.

Wenn man sich mal vor Augen führt wer nach 1945 (wieder) führende Positionen bei Polizei, Justiz- und Staatsanwaltschaft eingenommen hat (1952 standen 20 von 30 Polizeipräsidenten unter der Führung von (Ex-) Nazis), was hier drinnen und draußen tagtäglich passiert, so entsteht hier ein fragwürdiges Gesamtbild deutscher Tradition. Worauf soll man da stolz sein und warum sollte man sich durch „Brot und Spiele“ davon ablenken lassen und bei dieser bescheuerten EM mitfiebern? Ein Wir-Gefühl entsteht für mich bestimmt nicht darin, dass ich mit meinen Unterdrückern zusammen mein Land feiere, sondern im internationalen Kampf zwischen unten und oben über alle Grenzen hinweg…

Anmerkung:
Ich habe in meinen Ausführungen bzgl. des Knastkampfes nur die ganz eindeutigen Ungereimt-heiten – und davon nur einige wenige – aufgeführt. Es gibt aber noch zahlreiche unterschwellige Strategien der Beamten einem das Leben hier noch schwerer zu machen:  Jemandem „vergessen“ die Tür zu öffnen, damit er planmäßig duschen kann, Ausschluss von gemeinsamen Veran-staltungen, das Herausreißen aus der gewachsenen Gemeinschaft einer 4er-Zelle etc. sind da nur weitere wenige Beispiele. Manchmal merkt man es auch gar nicht, währenddessen die Justizmaschinerie schon weiter an der Menschlichkeit nagt…

 

 

Teil II

Warum ich mich selbst als politischen Gefangenen wahrnehme

Politischer Gefangener ist zunächst einmal jeder, der von staatlicher Repression betroffen ist, weil er oder sie sich politisch für etwas einsetzt. Dass die Nazis, denen der Staat ja nicht selten mit seinen Urteilen entgegenkommt und sie sogar finanziell unterstützt, aufgrund ihrer Ideologie nicht in diese Kategorie des politischen Gefangenen fallen, sollte selbsterklärend sein.

Das Urteil des Amtsgerichts Stuttgart vom 17.02.2012 bezeichne ich als juristische Nullnummer.  Dass man mich im Verfahren durch frühere Kriminalisierung und allgemein der ständigen Entpolitisierung des Prozesses versucht hat, als hirnlosen Schläger darzustellen, spricht ja schon für sich. Dennoch konnte man es sich später im Urteil nicht verkneifen, mir die Angehörigkeit zur „linksextremistischen Szene“ vorzuwerfen. Damit sollte mir wohl für die Berufungsverhandlung schon mal ein Stempel aufgedrückt werden.

Der politische Charakter des Verfahrens offenbarte sich schon beim Eintreffen der Anklageschrift:dem Aktenzeichen konnte man entnehmen, dass hier der Staatsschutz herangezogen wurde. (in Stuttgart üblich ,wenn es um den „Linksextremismus“ geht). Das spiegelte sich aber auch in den Haftgründen wieder, wo eine „Verdunklungsgefahr“ mit einem nicht auffindbaren Facebookeintrag  begründet wurde.(Ermittlungen wegen angeblicher Nötigung wurden später eingestellt) Die Anwendung von vollkommen willkürlichen  Methoden von Polizei und Staatsschutz sorgte also dafür,dass eine „Fluchtgefahr“ konstruiert werden konnte. Diese wurde zusätzlich mit dem Inhalt und den äußeren Umständen meiner Gefangenenpost begründet. Ein Verstoß gegen das Briefgeheimnis also, der zur Begründung einer Aufrechterhaltung eines Haftgrundes nach StPO, GG und Postgesetz unzulässig sein dürfte. Die Annahme der Fluchtgefahr stützt sich einzig und allein auf theoretische Überlegungen, denen keinerlei Fakten und Tatsachen zugrunde liegen, außer der eventuelle Bewährungswiderruf. Dieser könnte eine empfindliche Freiheitsstrafe von 23 Monaten im Falle einer Verurteilung bei der anstehenden Berufungsverhandlung zur Folge haben.

Paradoxerweise gäbe es aber auch ohne die vorangegangene angebliche Verdunklungsgefahr ebenfalls keine Begründung der Fluchtgefahr, denn ohne Gefangenschaft auch keine Gefangenenpost! Verdunklung, die als hinfällig zu betrachten ist, stützt also dennoch aus der Sicht des Gerichts die Annahme einer möglichen Flucht.
Des weiteren wurde im letzten Prozess beim Amtsgericht nicht nur einmal von Richterin Neuffer erwähnt, dass man dies und das (wichtige Details im Prozess) wiederum „so oder so“ sehen könnte, so dass man im Rechtsstaat vom „im Zweifel für den Angeklagten“ ausgehen müsste. Für mich als

„Linksextremist“ kam das aber natürlich nicht in Frage.
So möchte ich weiter fortfahren mit dem Begriff des „Linksextremismus“, der ja nun doch im ganzen Verfahren eine zentrale Rolle zu spielen scheint, obwohl ich gleichzeitig auch als „un-

politischer Schläger“ dargestellt wurde. Dieser Begriff spielt aber auch allgemeine eine Rolle, wenn

es darum geht politisches Engagement zu kriminalisieren. „Linksextrem“ das ist ja ein dehnbarer Begriff ( bis hin zum „Terrorismus), der von staatlicher Seite ausschließlich in einem negativen Sinn verwendet wird. Vergessen wird dabei heutzutage oft, dass ohne die sogenannten „Links-extremisten“ wie Kommunisten, Anarchisten, Spartakisten der Novemberrevolution 1918, aber auch Sozialdemokraten der Kaiserzeit (die heutige SPD ist also natürlich ausgenommen) einige für uns selbstverständliche Freiheiten und Rechte gar nicht denkbar wären. Manche der sogenannten „Linksextremisten“ ließen beim Kampf für eine gerechte, friedliche und solidarische Gesellschaft sogar ihr Leben. Alleine schon ihre bloße Existenz nötigte den Herrschenden soziale Verbesser-ungen ab: so führte Reichskanzler Bismarck im späten 19.Jahrhundert die Sozialversicherung nicht ein, weil er so ein guter Mensch war, sondern weil er hoffte, so der damals revolutionären Sozialdemokratie den Boden zu entziehen.

Seit einigen Jahren wird nun wieder verstärkt die Extremismusdoktrin propagiert, die eigens von rechten „Verfassungsschützern“ entworfen wurde. Diese versucht rechts mit links gleichzusetzen.

Die Nazis also zusammen mit ihren entschiedensten Gegnern….In der Praxis sieht das dann jedoch so aus: rechte Kräfte profitieren von der Gleichsetzung, werden weniger kriminalisiert und nähern sich weiter der bürgerlichen Mitte an. Alles was links ist, wird gleichzeitig auf allen Ebenen weiter kriminalisiert, verfolgt und verteufelt.

Das wiederum ist der gesellschaftliche Hintergrund, der mir vorgeworfenen Straftaten und ihrer Ursachen. Politische Hintergründe wie Hetze gegen links oder diverse Diffamierungsversuche (Grauzone vs. RASH) wurden von der Richterin Neuffer allerdings kaum Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl es für den Fall eine wichtige Rolle spielt. Stattdessen drängt sie mich in den Bereich des „Linksextremismus“, der für andere wiederum der Gefahr des Terrorismus gleich-kommt. Wenn „Linksextremismus“ nun heißen soll die Distanz zum (Rechts)Konservatismus bis hin zum Faschismus zu wahren und dessen nahtlose Übergänge anzuprangern, so bin ich in dem Punkt sicher „schuldig“ zu sprechen. Ich finde es in diesem Sinne auch nicht weiter schlimm, dass dieses „Unwort“ im Urteil des Amtsgerichtes Erwähnung findet. Obgleich man den Prozess an sich bewusst entpolitisiert hat, dürfte es aber dürfte es ebenso klar sein, welches Ziel mit dieser Strategie (mich einerseits als „unpolitischen Schläger“, andererseits als „Linksextremisten“darzustellen) verfolgt wird…

Denn wo der Staatsschutz schon einmal die Wohnungstür aufgekriegt hat, da wird er sie auch jeder Zeit wieder öffnen können; zumindest im Sinne der Observation. So werde ich dann später auch in „Freiheit“ als politischer Gefangener des Überwachungsstaats wandeln und aus dieser Rolle nicht mehr ausbrechen können. Eigentlich genau das, was man immer versucht der damaligen DDR anzulasten. In der BRD wurde das aber in der Zeit des Kalten Krieges nicht anders praktiziert da man zusammen mit den USA ein „Bollwerk gegen den Bolschewismus“ bilden wollte. Also die selben Stasi/BKA- und CIA-Methoden, nur technisch längst über deren früheren Grenzen hinaus und  etwas unterschwelliger, um in der Öffentlichkeit den demokratischen Anschein zu wahren. So soll das Volk dazu gebracht werden, im Imperialismus und trotz steigender faschistischer Gefahr in vielen Erdteilen, reibungslos zu funktionieren.

 

 

 

 

Brief von Miguel

Hallo allerseits,

 

ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht, wie ich beginnen soll. Smily hat mich darum gebeten, ein paar Zeilen niederzuschreiben, also will ich ein nun einige Gedanken von meinem wirren Kopf auf das Papier bannen. Zuerst sollte ich vielleicht kurz erwähnen, wie es dazu kam, dass sich unsere Wege kreuzten. Smily wurde 2 Wochen nach mir inhaftiert und da ich bereits nach den ersten Zusammenkünften eine gewisse Sympathie (Nicht zu verwechseln mit Knastschwul) für ihn hegte und wir intellektuell, sowie auch politisch auf einer Ebene schwebten, beschlossen wir spontan, in eine 4-Mannzelle zu ziehen, wobei uns noch 2 weitere Knastexoten mitfolgten. Seitdem wurde ich immer wieder Zeuge von fragwürdigen Maßnahmen gegen Smily, die sich scheinbar bloß direkt gegen ihn richteten. Hatte er beispielsweise schon lange vor einem Mitgefangenen einen Konzert-besuch beantragt, wurde er trotzdem nicht zugelassen, zumal der Mitgefangene, der aufgrund von Tätertrennung ohnehin nicht gehen dürfte, trotz allem zum Konzert gehen konnte. Zu Smily sagte man mit höhnischem Lächeln auf dem Gesicht, dass es keine freien Plätze mehr gäbe. Ich könnte viele solcher Beispiele nennen, doch das würde Bände füllen.

Ich möchte mich auf das Wesentliche konzentrieren. Ich war mit Smily lange genug (einige Monate) auf engstem Raum eingesperrt, um sagen zu können, dass er auf mich keineswegs den Eindruck eines hirnlosen Gewaltverbrechers gemacht hat. In all der Zeit erlebte ich ihn niemals aggressiv, sondern eher als hilfsbereiten, offenherzigen Chaoten, der für die Problemen anderer stets ein offenes Ohr hat…auch wenn das Ohr schließlich blutet. Ich bin mit seinem Fall vertraut, und kann daher klar bestätigen, dass man ihn aufgrund einer willkürlich inszenierten Farce inhaftiert hat.

Inzwischen hat man uns getrennt, weil eine negative Urinprobe plötzlich doch positiv gewesen sein soll. Immer wieder steckte man bewusst bizarre Gestalten in Smilys Zelle, um Konflikte zu provozieren: z.b. kranke Leute, die drohten, mit einer Rasierklinge Amok zu laufen und mehr. Die Zelle wurde nahezu täglich durchsucht. Nicht zuletzt auch durch die Berichte der Medien, kam es mir immer wieder so vor, als ob man Linke dämonisiert, während gleichzeitig die Waffenlieferanten von rechtsradikalen Terroristen auf Bewährung freikommen. Würde man den Paragraphen 129 korrekt anwenden, so müsste man die mächtigsten Männer des Landes für immer hinter Gitter bringen.

Sie wollen uns resozialisieren, doch erreichen sie damit nur das Gegenteilig.. Ich glaube auch für Smily zu sprechen, wenn ich sage, dass wir nun noch mehr bestärkt sind, im Glauben daran, dass etwas geschehen muss in diesem Land. Denn auch draussen fühlen wir uns wie im Knast. Alles wird streng überwacht, überall sind Kameras. Voltaire verkündete vor fast 300 Jahren das Zeitalter der Vernunft, doch jetzt sind wir im 21. Jahrhundert und es herrschen immer noch die selben Machtverhältnisse, ein paar wenige besitzen alles und bestimmen über den Rest. 1% der Weltbevölkerung verfügt über 98% des Kapitals, während die ganze verfluchte Welt hungert, die einen nach Brot, die anderen nach Liebe und Aufmerksamkeit, vereinsamt vor ihren Computern.

Ich scheiße auf Voltaire und verkünde hiermit offiziell das Zeitalter der Großen Hure. Die ganze Welt ist ein stinkender Puff, wir werden geboren, um anschaffen zu gehen, schön brav jeden Tag ins Büro und die Hälfte der Kohle abdrücken, dass die grauen Herren Waffen kaufen können, für den nächsten sinnlosen Krieg. Vergleicht man das exorbitante Budget für Waffen und Aufrüstung mit dem lächerlichen Kleingeld, welches unsere Regierung für Kindertagesstätten und Bildung zur Verfügung stellt, so wird bei objektiver Betrachtung so einiges klar. Das Volk soll dumm gehalten werden, durch Desinformation und Massenkonsum. Dazu gibt es reichlich Brot und Spiele, wie im alten Rom. Gebt ihnen Fußball und sie halten die Schnauze. Es ist schon erschreckend und faszinierend zugleich, wie man all diese Massen dadurch von den wahren Problemen abzulenken weiß. Sie stellten uns ohnmächtige Marionetten hin, domestizierte Primaten, wie Angela Merkel. Obwohl ich nie zur Wahl gehen würde, dachte ich zu Beginn, dass sich vielleicht etwas ändern würde durch eine Frau an der Macht, da die meisten Kriege auf diesem Planeten bekanntlich durch Männer begonnen wurden.

Doch es ist stets dasselbe Trauerspiel. Immer das gleiche Theaterstück, wobei sich nur die Kulisse bzw. die Protagonisten zu ändern scheinen. Reiche Leute aus der Wirtschaft finanzieren den Wahlkampf und kontrollieren nachher ihre Günstlinge, sobald diese in der Politik einflußreich geworden sind. Solange sich ein sogenanntes demokratisches Regierungssystem gegen einen Volksentscheid ausspricht, hat es in meinen Augen jede Glaubwürdigkeit eingebüßt. Ich unterstelle diesem konspirativen Rattenpack durchaus verfassungsfeindliche Tendenzen. Der Kapitalismus hat ausgedient. Ich wage zu behaupten, dass sich dieses dunkle Kapitel dem Ende naht und alle Reformen umsonst sind, solange die Güter weiterhin ungerecht verteilt werden. Letztendlich wird einzig und alleine ein sozialistisches System als Regierungsform in Frage kommen, davon bin ich fest überzeugt – ein faires System, dass Völker innerhalb und außerhalb Europas nicht länger spaltet, sondern alle Parteien im Interesse der friedlichen Gemeinschaft an einen Tisch bringt. Das Ziel muss darin bestehen, dass absolute Gewinnmaximierung als oberste Priorität abgelöst wird , durch Aufklärung und Bescheidenheit. Anstelle von Maßlosigkeit im Umgang mit natürlichen Ressourcen und apokalyptischer Spekulation an den Finanzmärkten, müssen wir wieder lernen mit wenig zufrieden zu sein. Wie viele Reiche haben scheinbar alles und sind trotzdem arm und seelisch verkrüppelt, weil die unersättliche Gier nach materiellen Werten niemals wahrhaftiges Glück bescheren kann. Meines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das einfache Volk erhebt und dann stehen gewaltige Umwälzungen bevor. Die Frage ist nicht ob, sondern wann das passieren wird. Immer mehr Menschen beginnen zu zweifeln und das ist gut so, denn Zweifel ist der Anfang aller Weisheit.

Ich sage nicht, dass ich eine Lösung für all diese Probleme in unserer Gesellschaft parat habe. Ich möchte lediglich ein paar Leute zum Nachdenken bringen.

Falls mir das gelingen sollte, wäre das schon weitaus mehr, als ich jemals erwartet hätte. Worte bedeuten Macht, das geschriebene Wort kann eine ernstzunehmende Waffe sein, die man keines-wegs unterschätzen sollte. Deshalb ist es wichtig, keine Scheu zu zeigen, auch wenn es darum geht, seine Gedanken laut auszusprechen, selbst wenn man damit in eine hitzige Diskussion geworfen wird, mit Menschen, die nicht mit den eigenen Ansichten konform gehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung nur allzu gut, wie viel Mut und Selbstbewusstsein dazu nötig ist.

Sie erzählen uns, dass wir machtlos sind, in der Hoffnung, dass wir den Mund halten. Sie wollen uns einreden, dass ein Einzelner ohnehin nichts ausrichten kann, doch jede große Revolution begann letztendlich mit einer verrückten Idee, mit einer einzigen Stimme, einem kleinen Funken, der sich schließlich zu einem lodernden Flammenmeer entwickelte.

 

In diesem Sinne: „Support Smily – and fuck you, if you don´t…“

Text als PDF: Stammheim von innen

Veröffentlicht am August 11, 2012, in #1 - Aktuelle News. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Kommentare deaktiviert für Stammheim von innen.

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